Reise nach Paris 199

15.10.1999

Es trafen sich in früher, finsterer Morgenstunde 63 Chormitglieder und ein musikalischer Analphabet, Suses Mann Klaus.

Die vielen großen Gepäckstücke, die nicht nur den Gepäckraum füllten, sondern auch einen geringen Teil des Doppelstockbusses überschwemmten, brachten Busfahrer Bernd schon vor Fahrtbeginn zum Schwitzen und Grunzen.

Die erste Fahretappe durchs dunkle Sachsenland startete exakt 05:11 Uhr und verlief in verschlafener Ruhe. Erster Halt schon nach 220 km auf dem Rastplatz nahe Bad Berneck. Hier gaben wir dem in uns eingesperrten Morgenkaffee die Freiheit wieder. Im weiteren Bericht werden diese Aufenthalte kurz PP genannt.

Bernd übergab an einen Busfahrer von erlesener Güte. Im wohltuenden fränkischen Sprachklang, aus seinem erstaunlichen geographischen und historischen Wissen schöpfend, machte uns Herbert – das sei schon vorweggenommen – die durchfahrenen Lande und ganz Paris vertraut. Herbert war für uns ein exzellenter Fahrer mit seidenweichem Fahrstil, rücksichtsvoll und vorausschauend.

Das herbstlich schöne Frankenland durchfuhren wir in der Vormittagssonne. Nach pünktlich zweieinhalb Stunden die obligatorische PP in Hohenlohe. Bei südlicher Umfahrung der Doppelstadt Mannheim-Ludwigshafen überquerten wir den alten Vater Rhein, um nach der Fahrt durchs weinreiche Pfälzer Bergland in Ramstein einen längeren Halt einzulegen. Der Bus wurde mit dem relativ preiswerten deutschen Dieselkraftstoff randvoll getankt. Danach öffnete Herbert die Minikantine des Buses für Würstchen und Getränke.

Die Grenze zu Frankreich bemerkt man kaum, deutlich jedoch. Die erholsam glattere Fahrbahn, wofür die Franzosen aber auch alle -zig Kilometer Wegzoll einraffen. Vor Paris gab es nur einen kleinen Halt bei Reims.

Die Hauptstadt empfing uns in abendlichem Dunkel. Schon in den Randgebieten kamen wir in immer größer und dichter werdende Verkehrsströme, unvermutet gleitend, mit sparsam erforderlicher Beschilderung, aber guter Orts- und Verkehrsleitung.

Gegen 21 Uhr erreichten wir unser Hotel ALTONA im arabischen Viertel der Seinestadt. Nennen wir es eine preiswerte Unterkunft mit kleinen Mängeln in nicht ganz nobler Gegend. Die Nähe zum Zentrum und zum Montmartre und die Schonung des Geldbeutels stehen angenehm dagegen.

Trotz der fortgeschrittenen Tageszeit erschlossen die meisten noch die Umgebung: Restaurants und manche schon die naheliegende rote Meile (rein passiv natürlich – oder?).

16.10.1999

Frühstück gab es an diesem Tag ab 8 Uhr. Ich korrigiere: ein Frühstückchen, bestehend aus einem Croissant, einem Minibaguettechen, Butter vom Volumen eines Daumengliedes und ein wenig Marmelade. Kaffee, Milch oder eine Mixtur aus beiden, sowie Tee wurde nach Wunsch gereicht.
Bis zur Abfahrt des Busses um 9.45 Uhr lockte die grelle Morgensonne noch schnell zum Fußmarsch hinauf zur strahlend weißen Kirche Sacré-Cœur.

Die Vormittagstour führte uns zum Schloss Versailles, 21 km vom offiziellen Pariser Messpunkt an der Kathedrale Notre-Dame entfernt. Eine schöne, gebildete, energische, sprudelnd erläuternde, reifere Dame machte uns in zwei Gruppen mit Sehens- und Wissenswertem dieses überwältigenden Bauwerks und seiner Außenanlagen vertraut.  Die Fülle der Eindrücke im Express-Durchlauf kann man nicht verarbeiten. Markante Einzelbilder und das Gefühl des Gigantischen bleiben im Gedächtnis.

Der Nachmittag war auf den Chorauftritt in der Kirche der anglikanischen Adventisten auf dem Boulevard Bineau ausgerichtet. Während der Probe in der neugotischen Kirche mit hölzerner Dachkonstruktion bereiteten die Adventisten in einem Raum der Kirchgemeinde einen kleinen Imbiss mit süßen Backwaren.

Die Kirche füllte sich fast bis zum letzten Platz mit Menschen aller Altersgruppen. Das Konzert war dann auch ein voller Erfolg, wenn auch das Holzdach der nicht sehr hohen Kirche und auch die Zuhörermenge den sonst typischen Hall bremsten. Das tat jedoch der Qualität des exakten, sauberen Chorgesanges keinen Abbruch. Der Applaus bestätigte dies.

Nach dem Konzert fuhr uns Busfahrer Herbert durch das nächtliche Paris, in dem die Sehenswürdigkeiten in Flutlicht strahlten. Besonders beeindruckend der Eiffelturm im goldenen Glanz seiner eigenen, von 30.000 Lampen erzeugten Illumination. Auch goldene Linien sah man am Dom des Hotel Invalides, der letzten Ruhestätte des kleinen großen Napoleon Bonaparte. Der Place de la Concorde begeistert mit seinem gewaltigen, reibungslos ineinander fließenden Verkehr. Grenzenloses Staunen in der Avenue des Champs-Élysées. Busfahrer Herbert vermittelte mit treffenden Worten Wesen und Glanz dieser Prachtstraße, die für die Reichen und Schönen der Welt gestaltet wurde und wird.

17.10.1999

Sonja und Waltraud erhielten nach dem Frühstück in der Hotelhalle (welch übertriebene Bezeichnung!) ihr Geburtstagsständchen.

Danach rollte der Bus im gut gewählten, informativen Zickzackkurs zum 2. Konzertziel, der katholischen Kirche Saint-Séverin. Anders als in der Abbildung war die Kirche tatsächlich nicht sehr hell, dafür aber ziemlich kalt und Sabines Erkältung wenig zuträglich.

Der Chorauftritt war zweigeteilt: Zunächst versteckt im hinteren Bereich des Altarraumes während der Messe (Hochamt?) mit wenigen Liedern. Nach dem Gottesdienst gab es ein eigenständiges Konzert. Die mittelmäßig besetzte Kirche leerte sich leider während des Konzertes mehr und mehr. Das ist mit Sicherheit nicht als Missachtung zu werten. Denn bis auf wenige Unsauberkeiten, die dem Laien kaum auffallen konnten, wurde wiederum guten Niveau geboten. Vielmehr ist das Abwandern der Raumtemperatur und der Tageszeit zuzuschreiben. Die Verbliebenen dankten mit begeistertem Applaus.

Das Mittagessen gestaltete jeder in knapper Frist nach Gutdünken auf dem Boulevard des Invalides. Noch konnte man in der Mittagssonne an Außentischen seinen Hunger stillen und Kräfte sammeln für den Eiffelturm.

Ach ja, der Eiffelturm und seine mehr als 600 begehbaren Stufen ! Das Panorama von Paris, nur in der Ferne in leichtem Dunst unklar, entschädigte vielfach für die Anstrengung des Aufstiegs.

Nur kurz durfte der Hotelaufenthalt am frühen Abend sein. Der enorme Sonntagabend-Verkehr begründete die zeitige Abfahrt zum Seineschiff. Dennoch zeigte uns Herbert noch im langsamen Vorbeifahren die supermoderne Satellitenstadt La Defense, ein Geschäfts- und Wohnzentrum, das architektonisch schon im nächsten Jahrtausend angesiedelt ist.

Das uns zugedachte Schiff füllte sich durch routinierte Organisation rasend schnell mit Touristen aus aller Welt. Die Empfindlichen begaben sich in das geschlossene Aussichtsdeck, einer Käseglocke gleich. Auf dem offenen Oberdeck konnte man bessere Rundumsicht gegen den eisigen Wind abwägen. Die beidseitigen, grellen Flutlichtflächen der Schiffe und die mehrsprachige Erläuterung per Lautsprecher informierten ausreichend die angestrahlten Sehenswürdigkeiten längs der Seine.

18.10.99

Eine Stadtrundfahrt mit der pariskundigen Hanne führte nochmals an allen bedeutenden Sehenswürdigkeiten vorbei und in die KATHEDRALE NOTRE DAME herein. Was zu Maestro Winters Zeiten unzügelbarer Drang war, zittert auch jetzt noch süchtig in den Sängerinnen und Sängern des Neuen Chores Dresden: an bedeutender Stelle muß Gesang erschallen. Darum becircte Führerin Hannelore den diensthabenden Priester.

Und so intonierte unser Dresdner Chor an diesem Ort der Superlative, im Quergang des 32,5 m hohen Hauptschiffes, das “Heilig, heilig, heilig..”, dessen verhaltene Stellen leider in diesem riesengroßen Bauwerk verkümmerten.

Eine Fülle von Informationen und Eindrücken im weiteren Verlauf der Fahrt konnten wir kaum noch speichern und so soll dieser Report auch keine Stadt- und Baugeschichte der schönen Metropole mit der gefühlvollen, leichten Seele zum Inhalt haben.

Unsere Fahrt endete wie auch sonst am Boulevard de Rochechuard. Wer bei der Stadtführerin das Mittagmahl in der AUBERGE DE LA BONNE FRANQUETTE bestellte, wurde dafür nicht nur durch das preiswerte und schmackhafte Essen belohnt. Musetteklänge, die ein Original aus seiner Harmonika zauberte und die Pantomime einer einfallsreichen Colombine mit unglaublich wandlungsfähiger Hutkrempe verbindet man noch lange mit dem Begriff Montmartre.

Nur wenige Schritte weiter, am Fuße der Kirche Sacre Coeur, befindet sich der Malermarkt des Montmartre, den unsere Chormitglieder zu unterschiedlichen Zeiten individuell aufsuchten. Dem eigenen Flair dieses Platzes kann man sich nicht entziehen. Dem Kunstinteressierten fallen die unterschiedlichen Malweisen auf, die teils handwerkliche Präzision, teils serienmäßige Routinearbeit offenbaren. Preiswert kann man Kunstdrucke erwerben. Mit Mühe und Härte entkommt man den Porträtisten und Scherenschneidern. Den faszinierenden Hauch der berühmten Gegend nutzen besonders die Schankwirte aus: Preise, olalala !

Nachmittag und Abend waren persönlichen Wünschen freigegeben. So nahm jeder auf seine Art Abschied von Paris.

19.10.99

Das Frühstück war ein sehr frühes und die Hotelküche noch nicht in Schwung.

Busfahrer Herbert startete mit uns kurz nach 8 Uhr in heimatliche Richtung. Paris erwacht zu dieser Zeit erst ganz langsam.

Die PP am Rastplatz Reims wurde genutzt, um die restlichen französischen Münzen in den Handel zu schmeißen. Sie sind in der Heimat nicht rücktauschbar.

Sekundenkurze Stops verzögerten die Fahrt nur noch an den Mautstellen. Bald machte uns die deutlich schlechtere Autobahn die deutschen Gefilde spürbar. Bei Ramstein ein längerer und bei Hohenlohe ein kürzerer Aufenthalt unterbrachen die Tour bis zum Fahrerwechsel. Viele Dankesworte plätscherten durch die Lautsprecher. Für Busfahrer Herbert gab es zur Anerkennung seiner Leistungen eine Sammlung im Hut. Die Raststätte Bad Berneck erreichten wir im Dunkeln.

Die letzte Strecke bis Dresden kutschierte wieder Bernd. Eine wunderbare Reise mit ausnahmslos bestem Herbstwetter ging zu Ende.

Text: Klaus